Die FIDE am Scheideweg!

Wie bereits am Donnerstag zu befürchten war, hat sich die ►Affäre um den Wiedervereinigungskampf der Schachweltmeister-Titel in Elista weiter zugespitzt: Anstatt den ►Antrag Topalovs und seines Managers Danailov als das zu behandeln, was er offensichtlich ist, nämlich als einen schlechten Witz, hat sich das zuständige Schlichtungskomitee zu der ►Dummheit hinreißen lassen, den Antrag als unbegründet anzusehen, ihm aber trotzdem dahingehend entgegenzukommen, dass man Kramnik dazu verpflichtete, eine Gemeinschaftstoilette zu benutzen. Auch vergaß man zu erwähnen, dass die Grundlage der Beschwerde Topalovs mehr als fragwürdig ist, da er und sein Team keinerlei Zugriff auf die Videos aus dem Ruheraum Kramniks hätten haben dürfen.

Kramnik ►wehrte sich selbstverständlich gegen diese Entscheidung: Die Spielbedingungen seien im Vorfeld zwischen den Parteien vertraglich festgelegt worden; ebenso sei vertraglich festgelegt worden, dass diese Bedinungen während des Matches nicht mehr geändert werden können, wenn dafür nicht schwerwiegende Gründe dafür vorlägen. Und das die Beschwerde Topalovs nicht schwerwiegend war, hatte das Schlichtungsgremium ja selbst bestätigt. Zudem beklagt er zurecht die Verletzung seiner Privatsphäre durch die Überlassung der Videobänder.

Ohne auf diese Einwände weiter einzugehen, ist nun am Freitag, dem 29.09., von den Verantwortlichen vor Ort wie folgt verfahren worden: Man hat die an Kramniks Ruheraum angegliederte Toilette abgeschlossen und für Topalov und Kramnik eine gemeinsame Sanitäranlage geöffnet. Weder Topalov noch Kramnik erklärten sich damit einverstanden: Topalov ►monierte, dass Kramnik auch bei dieser Lösung immer noch unbeobachtet den stillen Ort aufsuchen könne; Kramnik im Gegenzug bestand auf der Einhaltung der vertraglich vereinbarten Unveränderlichkeit der Spielbedingungen.

Die nächste schwerwiegende Fehlentscheidung traf dann der für den Spielablauf verantwortliche Schiedsrichter Geurt Gijssen: Nachdem er 22 Minuten lang auf den in seinem Ruheraum befindlichen Kramnik gewartet hatte, der sich weigerte zu spielen, solange die vertraglich vereinbarten Bedingungen nicht wieder hergestellt seien, setzte er die Uhr Kramniks in Gang. Mit dieser Entscheidung war ein zweiter fataler Schritt auf dem Weg zum endgültigen Scheitern des Matches getan worden: Da die Uhr Kramniks lief, war die fünfte Partie begonnen worden und fand nach dem Ablauf einer Stunde ihren Ausgang gemäß den Regeln: Topalov gewann die fünfte Partie kampflos, was nach einer kurzen Weile auch auf der ►Webseite des Kampfes offiziell bestätigt wurde. Der einzige kleine Schönheitsfehler, der die FIDE noch retten könnte, ist die Tatsache, dass Kramnik das Ergebnis nicht durch seine Unterschrift anerkannt hat.

Noch am Freitagabend kehrte der nicht in Elista weilende Präsident der FIDE, Kirsan Ilyumzhinov, an den Schauplatz des Geschehens zurück und ►vertagte im Einvernehmen mit beiden Parteien die für den nächsten Tag angesetzte Partie um 24 Stunden. Er ►erklärte, er wolle bis Samstagabend, notfalls bis Sonntagmittag eine Lösung finden, da beide Seiten ihre Bereitschaft erklärt hätten, den Kampf fortzusetzen. Allerding bestehen verständlicherweise Differenzen, bei welcher Partie und welchem Spielstand der Kampf wieder einzusetzen habe: Topalov besteht darauf, die 5. Partie gewonnen zu haben und dementsprechend nurmehr 2:3 zurückzuliegen; für Kramnik hat die 5. Partie noch nicht stattgefunden und er führt immer noch mit 3:1.

Inzwischen haben sich mit ►Yasser Seirawan und ►Dr. John Nunn zwei namhafte Großmeister, deren Meinung in der Schachwelt von einigem Gewicht ist, zu Wort gemeldet: Beide vertreten die Auffassung, dass es sich sowohl beim Beschluss des Schlichtungskomitees als auch bei der Entscheidung Geussens, die 5. Partie unter diesen Umständen spielen zu lassen, um Fehlentscheidungen handelt, die revidiert werden müssen.

Bis Samstagabend war keine Entscheidung in Elista gefallen. Ein Abbruch des Kampfes liegt durchaus im Interesse Topalovs, solange die FIDE ihn nicht zum Verlierer des Kampfes erklärt und Kramnik als ihren Champion anerkennt. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist aber nicht sehr groß, da Kramnik sich seit vielen Jahren als unbequemer Partner für die FIDE erwiesen hat, während Topalov in allen wichtigen Entscheidungen mit der Führung der FIDE konform gegangen ist. Topalov kann also durchaus darauf spekulieren, dass sich die FIDE im Grunde nicht von ihm trennen will und ihn halten wird, solange sich das einigermaßen vertreten lässt.

Es ist offensichtlich, dass die Frage der Toiletten inzwischen gänzlich zweitrangig geworden ist. Die Frage nach der Fortsetzung des Kampfes spitzt sich auf die Wertung der 5. Partie zu, wobei auch beim besten Willen keine Kompromissformel zu erdenken ist. Keine der beiden Parteien wird sich mit einer Lösung einverstanden erklären, die die andere Seite bevorteilt; jede mögliche Entscheidung hat aber genau dies als Effekt. Es ist damit zu rechnen, dass der Kampf in Elista nicht wieder aufgenommen werden wird.

Die Folgen für den Profi-Schachsport werden mit hoher Wahrscheinlichkeit verheerend sein: In den nächsten zehn Jahren wird kein einigermaßen vernünftiger Sponsor mehr bereits sein, einen Weltmeisterschaftskampf zu finanzieren, wenn er damit rechnen muss, dass einer der beiden Kontrahenten bei einem ihm nicht genehmen Stand des Wettkampfes über ein belangloses Detail öffentlich einen Streit vom Zaun bricht.

Die einzige, wenn auch kleine Chance, die die FIDE hat, dies zu verhindern, ist Härte zu zeigen. Alle neutralen und gutwilligen Beobachter sind sich in der Bewertung der Sachlage einig. Nun muss die FIDE entscheiden, den Kampf beim Stand von 3:1 mit der 5. Partie fortzusetzen. Spielt Topalov, so ist der Kampf unter den zu Anfang definierten Bedingungen fortzusetzen. Doch dies würde unweigerlich in eine Situation münden, die Topalov kaum anders denn als schwerwiegende psychische Niederlage wahrnehmen könnte. Weigert sich Topalov unter diesen Voraussetzungen zu spielen, muss ihm der Titel aberkannt und Kramnik zum alleinigen und einzigen Schachweltmeister erklärt werden.

Es ist sehr unwahrscheinlich, dass sich die FIDE zu einem so radikal korrekten Schritt wird entschließen können. Es wäre das erste Mal seit vielen Jahren. Statt die Situation des Weltschachs endlich zu klären, wird sie wahrscheinlich das Schisma für lange Zeit festschreiben. Die Folgen wären kaum absehbar, sowohl für die Schach-Profis als auch für das Ansehen des Schachsports in der Öffentlichkeit.

3 Kommentare zu “Die FIDE am Scheideweg!”

  1. Schachblätter » Blog Archive » Out Of Elista (11)

    […] The Daily Dirt Chess Blog #4 #5 #6 #7 #8 Schachblog #2 #3 #4 #5 Rank zero Pinwand Süddeutsche Zeitung, 02.10.2006 Neue Zürcher Zeitung, 02.10.2006 taz, 02.10.2006 […]

  2. Anke Richter

    Tja, da steckt am nicht drin, denn
    1. kommt es anders und
    2. als man denkt.
    Grüße Anke

  3. Schachblätter

    […] Daily Dirt Chess Blog #4 #5 #6 #7 #8 Schachblog #2 #3 #4 #5 Rank zero Pinwand Süddeutsche Zeitung, 02.10.2006 Neue Zürcher Zeitung, 02.10.2006 taz, 02.10.2006 Telegraph, […]