Die 2-Minuten-Recherche …

Das Trauerspiel geht weiter: Anstatt dass sie es bei ►SPIEGEL online endlich begreifen und mal jemanden einstellen, der sich auskennt, lassen sie weiterhin Ahnungslose über Schach berichten. Diesmal hat es Frank Patalong erwischt, der wohl meint, man könne nach einer zweiminütigen Internetrecherche problemlos einen Ticker von Reuters zu einer Meldung umarbeiten, auch wenn man sonst von der Sache keine Ahnung hat.

Diesmal geht es um den armen Idioten ►Umakant Sharma, der mit Hilfe eines Bluetooth-Gerätes seine 1900 Elo binnen Kurzem auf 2484 Elo heraufgeschraubt und dadurch »Verdacht« erregt hatte. Anschließend hatte er sich erwischen lassen und wurde nun von der indischen Schachförderation für zehn Jahre gesperrt. Soweit, so gehöft.

Nachdem Patalong den Sachverhalt einigermaßen allgemeinverständlich formuliert hat, kommt er zum journalistischen Teil. Zuerst gibt er die Grundlage für die Entscheidung wieder (die er für eine Entscheidung der FIDE hält, aber das wollen wir so eng nicht sehen):

Denn strikt verboten sind beim Schach elektronische Kommunikations- und Rechenmittel seit langem. Nach den Turnierregeln der FIDE reicht es schon, dass während eines Spieles das nicht deaktivierte Handy eines Spielers klingelt, um diesen sofort zu disqualifizieren.

Nach den Regeln der FIDE reicht es schon, wenn das Handy sich überhaupt rührt, gleichgültig ob es aktiviert oder deaktiviert ist, ob es klingelt, brummt oder Musik abspielt. Allerdings wird der Spieler durch das Klingeln des Handys nicht disqualifiziert, sondern er verliert nur schlicht die laufende Partie. Patalong weiter:

In Top-Spielen kann einem Spieler so etwas noch nicht einmal versehentlich passieren: Die Veranstalter achten darauf, elektronische Kommunikation durch gezielte Abschirmung oder Störung unmöglich zu machen.

Nun weiß ich nicht, welche Top-Spiele Herr Patalong im Sinn hat, aber mir würde auf Anhieb kein Schachveranstalter einfallen, der eine gezielte Abschirmung gegen elektronische Kommunikation vornimmt. Nicht dass ich auschließen will, dass es das schon gegeben hat, aber die Regel ist das nicht. Gerade deshalb gibt es ja das Verbot der FIDE, elektronische Kommunikationsmittel im Spielsaal auch nur mit sich zu führen.

Nachdem nun die Grundlagen geklärt sind, geht Patalong zur Frage nach der Motivation des Täters über: Er vermutet, Sharma habe sich eine Schachkarriere aufbauen wollen, da Schach in Indien mit dem Aufstieg Anands in die Weltspitze immens an Popularität gewonnen habe. Er verweist darauf, dass derzeit außer Anand zwei weitere Inder unter den Top 100 der FIDE-Ratingliste der Männer zu finden sind (auch das schreibt er nicht so genau, aber naja; bei den Frauen haben wir zumindest noch zwei Inderinnen unter den Top 50) und kommt dann auf das Thema des Nachwuchses zu sprechen:

Insbesondere vom derzeitigen Nachwuchs wird viel erwartet. Allein in diesem Jahr erreichten vier indische Spieler Großmeister-Status, wobei Indien mit Parimarjan Negi den derzeit jüngsten Großmeister der Welt stellt. Negi wurde 1993 geboren, im Alter von 13 Jahren zum Großmeister. Das hatte es vorher nur ein einziges Mal gegeben: Auch der Chinese Bu Xiangzhi (aktuell Platz 37 im FIDE-Ranking) war 13 Jahre alt, als er den Titel gewann – war damals aber ein paar Monate jünger als Negi.

Jedem Schachspieler, der die Meldungen des letzten Jahres auch nur flüchtig verfolgt hat, fällt dazu spontan der Name Magnus Carlsen ein. Carlsen ist die größte nordeuropäische Schachbegabung seit Jahrzehnten und hat seinen Großmeistertitel im Alter von 13 Jahren, 3 Monaten und 27 Tagen erlangt. Und natürlich ist da auch noch der ukrainische Großmeister Sergey Karjakin, heute knapp 17 Jahre alt, der den Titel im Alter von 12 Jahren und 7 Monaten erwarb – früher hat es bislang noch kein anderer Spieler geschafft, Großmeister zu werden.

Aber sonst stimmt’s!

3 Kommentare zu “Die 2-Minuten-Recherche …”

  1. SpiegelKritik » Blog Archive » Korinthe (12): Schach-Großmeister

    […] Pinwand-Blog merkt dazu an: Jedem Schachspieler, der die Meldungen des letzten Jahres auch nur flüchtig verfolgt hat, fällt dazu spontan der Name Magnus Carlsen ein. Carlsen ist die größte nordeuropäische Schachbegabung seit Jahrzehnten und hat seinen Großmeistertitel im Alter von 13 Jahren, 3 Monaten und 27 Tagen erlangt. Und natürlich ist da auch noch der ukrainische Großmeister Sergey Karjakin, heute knapp 17 Jahre alt, der den Titel im Alter von 12 Jahren und 7 Monaten erwarb – früher hat es bislang noch kein anderer Spieler geschafft, Großmeister zu werden. […]

  2. Rank zero » Blog Archive » Unbelehrbar

    […] Leider widersprche dies denn doch wohl zu sehr dem Redaktionsprinzip. Und so bezieht er – vllig zu Recht – von Musagetes Prgel fr seine “2-Minuten-Recherche” zum Thema “indischer Betrug”. Das Trauerspiel geht weiter: Anstatt dass sie es bei SPIEGEL Online endlich begreifen und mal jemanden einstellen, der sich auskennt, lassen sie weiterhin Ahnungslose ber Schach berichten. […]

  3. Schachblätter

    […] Pinwand über einen Spiegel-Artikel zum Fall Umakant Sharma Kommentieren […]