»Ein Manifest der Antigravitation«

Bereits am 3. Juni hat DER SPIEGEL (Nr. 23/2006) auf den Seiten 70–73 ein Interview mit Peter Sloterdijk veröffentlicht, den DER SPIEGEL ►früher einmal so treffend den »Zeitgeisterfahrer« genannt hat. Anlass ist natürlich die Fußball-WM, als könne es einen anderen Anlass geben. Es ist allgemein eine beliebte Tradition, sogenannte Intellektuelle zu Sportthemen zu befragen; Journalisten scheinen es für besonders attraktiv zu halten, Menschen, die für besonders geistvoll gehalten werden, sich ähnlich damlich wie sie selbst zu populären Themen äußern zu lassen. Früher war Walter Jens für solchen Unsinn zuständig, seit einiger Zeit ist die Stelle neu besetzt.

Sloterdijk lässt sich denn auch nicht lumpen und schwafelt in seiner üblichen Manier daher. All das wäre keiner besonderen Erwähnung wert, wenn er nicht an einer Stelle eine neue Höhe des Unfugs erreichen würde:

SPIEGEL: Ein richtiger Fan wird aus Ihnen wohl nicht mehr.

Sloterdijk: Ich fürchte, nein. Das Einzige, was mich beim Fußball wirklich zutiefst beeindruckt, das ist diese Fähigkeit der jungen Spieler, hinzufallen und wieder aufzustehen. Das finde ich begeisternd.

SPIEGEL: Sie wollen harte Fouls sehen?

Sloterdijk: Nein, ich will nur sehen, wie Männer wieder aufstehen. Ich finde das ein Manifest der Antigravitation. Wenn man älter und schwerer wird, dann weiß man ja, wie es sonst zugeht. Ich falle gelegentlich vom Fahrrad, und die Mühe, wieder auf die Beine zu kommen, ist eine grauenvolle Beleidigung. Deshalb habe ich großen Respekt vor diesem raschen Aufstehen bei hingefallenen Spielern. Das sind Momente, wo ich inneriich total beteiligt bin. Das Hinfallen gehört zur Sache, aber erst das Wiederaufstehen macht sie großartig. Ich beklage darum auch die neue Zwangsverarztung auf dem Feld: Ein angeschlagener Spieler, der noch laufen könnte, muss sich auf einer Bahre wegtragen lassen. Schauderhaft.  

Ja: Schauderhaft! Und komme mir keiner damit, dies sei Ironie. Als sei es nicht so schon schlimm genug! 

3 Kommentare zu “»Ein Manifest der Antigravitation«”

  1. Luchtverfrisser

    Nein, das ist keine Ironie, das ist Weltanschauung. Gemeint ist doch wohl: keine Hilfe durch den Staat einfordern – jeder ist für sich selbst verantwortlich und so soll es auch immer sein. Neoliberalismus in seinen feinen subtilen Verästelungen…

  2. marius

    Nein, das ist sicherlich nicht gemeint! Gemeint ist, was da steht.

  3. creamhilled

    Ich hab wenig Ahnung von Philosophie, fühle mich aber in meiner Einschätzung von S. mal wieder bestätigt. Solche Leute werden erst von dümmlichen Medienmachern dahin gepusht, wo sie dann stehen… im Weg.